Indien

Der, der eine Box trägt

  • 22. März 2014

Einen kleinen Vorgeschmack erhielten wir bereits als wir das Visum beantragten, doch so richtig zugeschlagen hat sie erst, als wir im Land unterwegs waren. Als Folge ihrer Omnipräsenz gibt es in jeder Strasse mindestens einen Kopierladen. Sehr schnell wurden Reisepass, Passfotos, Formulare und Kopien von jenem und diesem unsere besten Freunde. Ansonsten hätte uns die indische Bürokratie wahrscheinlich direkt in den Wahnsinn getrieben 😉 Frech Vordrängeln und Ellbogen einsetzten – das haben wir bereits in China ausgiebig gelernt, aber erst in Indien haben wir die Fähigkeit perfektioniert. Wir könnten zig unvergessliche Geschichten über endlose Warteschlangen, Solitaire-spielende Beamte und 12fach abgestempelte Flugtickets erzählen. Oder aber wir tun es nicht und berichten stattdessen, von den Dabbawalas – sie sind quasi unsere Antagonisten der indischen Bürokratie 🙂

Für einen Vormittag haben wir uns an die flinken Versen der Dabbawalas geheftet. „Dabba“ heisst etwa soviel wie „mehrteilige Box“, „Wala“ steht für „Arbeiter“ oder auf Hindi bedeutet Dabbawala „der, der eine Box trägt“. Ganze 5‘000 Dabbawalas sind tagtäglich in den Strassen von Mumbai unterwegs und liefern über 180‘000 Lunchboxen von Privathaushalten direkt zum Mittagessen an die Arbeitsstelle.

Das System basiert auf einer einzigartigen, ausgeklügelten Logistik: Ein Dabbawala holt die mit leckerem indischem Essen gefüllten Blechdosen von 30 verschiedenen Haushalten ab und bringt diese zum Bahnhof. Hier wartet bereits der zweite Mann, der die mit Farben, Zahlen und Buchstaben markierten und kodierten Lunchboxen sortiert. Eine dritte Person fährt dann mit dem Zug an die richtigen Bahnhöfe und verteilt die Boxen an den vierten Mann, der die Blechbüchsen feinsortiert und schlussendlich per Schubkarre, zu Fuss oder per Fahrrad pünktlich zum Mittagessen an die Geschäftsfrau/ Geschäftsmann liefert. Dort wird der Behälter am Nachmittag wieder eingesammelt und findet seinen Weg zurück an den Absender. Die Lunchbox reist im Schnitt jeden Tag 60-70 Kilometer durch Mumbai.

Und warum gehen viele Büroangestellte nicht einfach ins Restaurant? Günstig, hygienisch, schnell, individuell und vor allem eines: authentisch – denn das Essen von deinem Liebsten schmeckt doch immer besonders gut! Und vielleicht steckt ja auch noch eine nette Karte mit in der Box?!?

Folgt man den Dabbawalas durch das chaotische Mumbai, wirkt ihr Job ziemlich spektakulär. Dazu kommen das kryptische Codierungssystem und die Tatsache, dass viele Dabbawalas mehr schlecht als recht lesen können. Man könnte meinen, dass so ganz ohne Strichcodes und Smartphones doch sicher auch mal eine Lunchbox an den falschen Empfänger geht… Mitnichten – behaupten nicht nur die Dabbawalas von sich selbst, sondern belegt auch eine Studie der Harvard Universität. Pro sechs Millionen Lieferungen gibt es nur bei einer Zustellung ein Problem. Wie hoch ist deine Fehlerquote an der Arbeit?

5 Comments on Der, der eine Box trägt

  • Livia says:
    22. März 2014 at 19:07

    Dabbawalas DABBAWALAS – ich habe mich damals in sie verliebt 🙂

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  • Alexandros says:
    22. März 2014 at 20:11

    Andreas Altmann hat in seinem Buch – mit dem Zug durch Indien – ziemlich detailiert beschrieben, was da so abläuft… hat mich beim lesen gerade daran erinnert.

    Wieder einmal schöne Bilder, die ihr geschossen habt…

    Aus Deutschland
    Alexandros

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  • Kurt says:
    24. März 2014 at 06:46

    Recht spannend finde ich die Geschichte mit den Food Büchsen. Eigentlich sollte man einmal eine Reise in so einer Büchse mitmachen, dass wäre sicher interessant :-))
    Gruss Kurt

    Antworten

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